Die wahre Bedeutung von Geld
Ganzheitliche Thesen von
Bernard Lietaer,
einem etablierten Banker, zum Thema Geld
Isis und Horus
Hintergrund von Bernard Lietaer
Bernard Lietaer war Präsident des
elektronischen Zahlungssystems von Belgien. Eine seiner ersten Aufgaben
bei der belgischen Zentralbank bestand in der Entwicklung und Einführung
des ECU (European Currency Unit) Ende der Siebziger Jahre. Bernard Lietaer
war zudem Direktor und Devisenhändler eines der größten
und erfolgreichsten Offshore-Devisenfonds. Auf dem Gebiet der Währungspolitik
bzw. -bewirtschaftung stand er einigen Entwicklungsländern beratend
zur Seite. In seiner Geburtsstadt Leuven in Belgien lehrte Lietaer an der
dortigen Universität "Internationale Finanzwirtschaft". Zur Zeit lebt
Bernard Lietaer in Kalifornien und hält an der University of California
in Berkeley eine Gastprofessur. Als einer von ganz Wenigen in der Finanzwelt
kann Lietaer aus dem vollen Repertoire seiner praktischen Erfahrungen auf
nahezu allen entscheidenen Gebieten des Themenkomplexes "Geld und Währungen"
schöpfen. Gerade diese Eigenschaft macht Bernard Lietaer zu einem
Wissenschaftler und Prakmatiker, bei dem es sich lohnt, zuzuhören.
Gier und die Angst vor Knappheit
Während in Wirtschaftsfachbüchern
behauptet wird, daß Menschen und Firmen für mehr Weltmarktanteile
und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behauptet Bernard Lietaer, daß
sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile
und Rohstoffe nur dafür benutzen. Gier und die Angst vor Knappheit
werden für Bernard Lietaer durch das jetzt praktizierte Geldsystem
ständig erzeugt und vergrößert. Er führt als Beispiele
an, daß man mehr als genug Nahrungsmittel für alle Menschen
produzieren kann und es außerdem ganz ohne Zweifel genug Arbeit für
jeden einzelnen gibt. Was wirklich knapp ist, ist das Geld, um dies alles
zu bezahlen. Somit liegt die Knappheit nach Ansicht von Bernard Lietaer
in den nationalen Währungen selbst. Tatsächlich ist es die Aufgabe
der Zentralbanken, diese Geldknappheit zu produzieren und aufrechtzuerhalten.
Die Folge ist, daß alle gegeneinander kämpfen müssen, um
zu überleben. Geld wird geschaffen, wenn Banken es beschließen.
Lietaer führt dazu folgendes Beispiel an: Wenn die Bank an einen Kunden
einen Kredit von 100.000 Dollar gibt, ist dies nur der Teil, den der Kunde
ausgibt und der dann in der Wirtschaft zirkuliert. Die Bank erwartet aber
vom Kunden, daß er im Laufe der nächsten 20 Jahre für diesen
Kredit 200.000 Dollar zurückzahlt, kreiert jedoch diese zweiten hunderttausen
Dollar - die Zinsen - nicht selbst. Statt dessen schickt die Bank den Kunden
in die feindliche Welt, um gegen jeden zu kämpfen, damit der Kunde
die zweiten hunderttausend Dollar erarbeitet.
"Es müssen die einen verlieren, damit andere gewinnen.
Einige müssen Schulden machen, damit andere Zinsen erhalten".
1
Wenn also Banken die Kreditwürdigkeit
ihrer Kunden überprüfen, prüfen sie in Wirklichkeit, ob
die Kunden in der Lage sind, gegen andere Menschen zu kämpfen und
den Wettbewerb zu gewinnen, ob sie es schaffen, die zweiten hunderttausend
Dollar aufzutreiben, die nicht von der Bank geschaffen wurden. Und wenn
die Kunden es nicht schaffen, verlieren sie ihr Haus oder was immer sie
sonst an Sicherheit angegeben haben.
Lietaer stellt folgende Frage: "Wollen
Sie 100 Dollar jetzt oder in einem Jahr?" Die meisten Menschen würden
sagen: "Jetzt", weil man dieses Geld risikolos auf die Bank bringen kann
und dann etwas 110 Dollar ein Jahr später kassiert. Anders ausgedrückt:
Wenn man jemandem 100 Dollar in einem Jahr anbieten würde, entspräche
dies einem Barwert von etwa 90 Dollar heute. Das bedeutet, daß es
bei dem jetzigen Geldsystem Sinn macht, Bäume zu fällen und das
Geld auf die Bank zu bringen. Das Geld in der Bank "wächst" schneller
als die Bäume. Es macht Sinn, schlecht isolierte Häuser zu bauen,
weil die Kosten des zusätzlichen Energieverbrauchs niedriger sind
als die bessere Isolierung. Man "spart" also Geld.
Geld ist wie Dünger. Es ist nur gut,
wenn es verteilt wird
Lietaer stellt ein Geldsystem mit gegenteiliger
Wirkung vor. Es würde ein langfristigeres Denken und Handeln bewirken
durch etwas, was Lietaer als "Vorhaltekosten" oder "Nutzungsgebühr"
bezeichnet. Die Vorhaltegebühr ist ein Konzept, das Silvio Gesell
vor etwa 100 Jahren entwickelt hat. Seine Idee war, daß Geld ein
öffentliches Gut ist - wie das Telefon oder der Busverkehr - und daß
für die Benutzung ein kleine Gebühr bezahlt werden muß.
Mit anderen Worten, es wird eine negative statt positive Zinsrate geschaffen.
Lietaer stellt zur Erläuterung
dieses Konzepts folgende Frage: "Wenn ich Ihnen 100 Dollar geben würde
und Ihnen sagte, daß Sie am Ende eines Monats 1 Dollar bezahlen müßten,
damit Ihr Geld gültig bleibt, was würden Sie tun?" Die Antwort
wäre klar: Man würde versuchen, es irgendwo zu investieren. Für
Lietaer ist Geld wie Dünger, es ist nur gut, wenn es verteilt wird.
In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel
verwenden, aber nicht zur Anhäufung von Reichtümern. Dadurch
würde Arbeit entstehen, weil es den Geldumlauf beschleunigen würde,
und es würde den Anreiz für kurzfristige Investitionen umkehren.
Anstatt Bäume zu fällen und das Geld in die Bank zu bringen,
würde man das Geld lieber in Baumpflanzungen stecken und eine gute
Isolierung in sein Haus einbauen lassen.
Das Geld-System von Silvio Gesell in der Vergangenheit
Für die Vergangenheit führt
Lietaer drei Epochen an, in denen ein System ähnlich dem von Silvio
Gesell bereits vorherrschte: Das klassische Ägypten, etwa dreihundert
Jahre im europäischen Mittelalter und einige wenige Jahre um 1930.
Im alten Ägypten bekam jemand,
der Getreide lagerte, einen Gutschein, der eingetauscht werden konnte und
damit eine Art Währung bildete. Wenn man nach einem Jahr mit zehn
Gutscheinen zurückkehrte, bekam man nur Getreide im Wert von neun
Gutscheinen, weil Ratten und Plünderung den Vorrat verringerten und
weil die Wächter des Getreides bezahlt werden mußten. Dies wirkte
wie eine Art Liegegeld. Ägypten war damals der Brotkorb der antiken
Welt, denn anstelle der Aufbewahrung des Reichtums in Form von Geld, investierte
jedermann in produktive Anlagen, die ihren Wert nicht verloren, - so wurden
z. B. Leistungen wie Landverbesserung im großen Stil durchgeführt
oder Bewässerungssysteme gebaut.
Der Beweis, daß dieses Geldsystem
etwas mit dem Wohlstand zu tun hatte, liegt für Lietaer darin, daß
alles sofort beendet war, als die Römer diese Getreidewährung
mit ihrer eigenen römischen Geldwährung, bei der es positive
Zinssätze gab, ersetzten. Ägypten hörte bald auf, die Kornkammer
der Welt zu sein und wurde zu einem Entwicklungsland, wie so etwas heute
genannt wird.
In Europa im Mittelalter vom 10. bis
13. Jahrhundert wurden lokale Währungen von den Fürsten ausgegeben
und dann immer wieder eingezogen und, versehen mit einer Steuer, neu herausgegeben.
Auch dies war eine Art von Liegegeld (Vorhaltegeld), so daß es unattrakiv
war, Geldreichtum anzuhäufen. Das Ergebnis war ein Aufblühen
der Kultur, ein allgemeiner Wohlstand, der genau in der Zeit herrschte,
als lokale Währungen verwendet wurden. Praktisch alle Kathedralen
wurden in dieser Zeit gebaut. Erzählungen aus dem 12. Jahrhundert
berichten, daß z. B. die Wartung von Mühlen und anderen Produktionsstätten
auf einem solch hohen Niveau stand, daß mit der Erneuerung von Teilen
begonnen wurde, bevor sie kaputt gingen. Neueste Forschungen haben ergeben,
daß die Lebensqualität für Handwerker in Europa im 12.
und 13. Jahrhundert am höchsten war, wahrscheinlich sogar höher
als heute. Wenn man keine Ersparnisse in Form von Geld bilden kann, investiert
man es in etwas, das Werte in der Zukunft bildet. Lietaer führt diese
Geldform als die Quelle des im Mittelalter vorherrschenden unglaublichen
Wohlstands an.
Der Archetypus der Großen Mutter
Lietaer erklärt das Wirtschaftsystem
der lokalen Währungen im Mittelalter mit dem Archetypus der großzügigen
Mutter. Interessanterweise erlangte gerade in dieser Zeit ein religiöses
Symbol eine große Bedeutung: Die berühmte schwarze Madonna.
Es gab hunderte von diesen Madonnen im 10. bis 13. Jahrhundert, die ursprünglich
Statuen der Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus im Schoß waren.
Diese Figuren wurden von den ersten Kreuzrittern direkt aus Ägypten
importiert. Ihr spezieller waagrechter Stuhl wurde cathedra genannt
(daher kommt auch der Name Kathedrale) und interessanterweise war es gerade
dieser Stuhl, der im alten Ägypten das Symbol für Isis war. Die
Statuen der schwarzen Madonna wurden im Mittelalter auch identifiziert
mit der Alma Mater, der "Großzügigen bzw. Großen Mutter"",
ein Ausdruck, der auch heute noch in vielen Ländern für die Universität
gebraucht wird. Die schwarzen Madonnen waren direkte Nachfolgerinnen der
Großen Mutter in einer ihrer ältesten Formen. Sie symbolisierte
Geburt und Fruchtbarkeit. Sie vertritt das Grundgefühl des Reichtums
und des Überflusses, der Geborgenheit und Gewißheit, versorgt
zu sein. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von der durch Knappheit,
Verlorenheit und Angst geprägten Stimmung des patriachalen Kapitalismus.
Sie symbolisiert den Geist, der in der Materie inkarniert war, bevor die
patriarchalen Gesellschaften die Materie und den Geist voneinander trennten.
Für Lietaer gibt es hier eine
direkte archetypische Verbindung zwischen zwei Kulturen, die beide ein
Geldsystem mit Nutzungsgebühren verwendeten und damit einen ungewöhnlichen
Wohlstand für alle Menschen erzeugten: das alte Ägypten und das
Europa des 10. bis 13. Jahrhunderts. Die Verwendung dieses Geldystems korrespondiert
nach Lietaers Ansicht genau mit der Verehrung des gleichen Archetyps.
Seiner Ansicht nach versetzte die
Erfindung des Schießpulvers im frühen 14. Jahrhundert die Fürsten
in die Lage, ihre Macht zu zentralisieren.Das erste, was sie taten, war
das Monopol des Geldsystems durchzusetzen. Es wurden keine Kathedralen
mehr gebaut, der Anreiz für langfristige Investitionen war verlorengegangen.
Es ist paradox, daß genau in
der Zeit des angeblichen Machthöhepunktes des Christentums in Europa,
in der ja der Archetyp der Großen Mutter unterdrückt wurde,
die Lebensqualität am höchsten war und die schwarze Madonna verehrt
wurde. Neuere Geschichtsforschungen haben aber ergeben, daß das Mittelalter
nicht dunkel und grausam war. Wie oben beschrieben war es eine wirtschaftliche
und kulturelle Blütezeit. Interessanterweise ist es auch - entgegen
der Meinung, die sich im Bewußtsein des Menschen heute festgesetzt
hat - falsch, daß im Mittelalter die Kirche die Macht und somit das
Sagen hatte. Die wahrhafte "Machtergreifung" der Kirche fand erst Anfang
/ Mitte des 14. Jahrhunderts statt - die gleiche Zeit, die Lietaer als
Machtergreifung der Fürsten und somit den sozialen und kulturellen
Niedergang angibt.
Wenn man sich die Mühe macht,
bei mittelalterlichen Städten herauszufinden, welche Bauwerke den
kulturellen Mittelpunkt darstellten, wird man feststellen, daß dies
nicht unbedingt die Kirche war (oft erst ab Mitte des 14. Jahrhunderts),
sondern meist eine (Ritter- oder Tempelritter) Burg, deren Platz später
eine Kirche einnahm. Die Kathedralen, die in der Blütezeit des Mittelalters
gebaut wurden, waren wahrscheinlich Werke von den aus Jerusalem heimkehrenden
Tempelrittern. Sie wurden erst später von der Kirche "übernommen"
(vgl. hierzu Dr. Sonja Klug: Die Kathedrale von Chartres und ihre Geheimnisse,
Tattva
Viveka Nr. 9). Die Städtegründungen wurden meist von Bürgern
initiiert, Handwerker haben mehr verdient und weniger gearbeitet als es
heute der Fall ist.
Das sogenannte "dunkle" Mittelalter
existierte nicht im historischen Mittelalter, sondern fand ihren Anfang
kurz vor Beginn der Renaissance, in welcher die Inquisition ihren Höhepunkt
hatte.
Die Bedeutung des kollektiven Unterbewußten
und die Unterdrückung der Archetypen
Lietaers Theorie der Knappheit als unerläßliche
Bedingung für das weltweit existierende Wirtschaftssystem basiert
auf C.G. Jungs Theorie der kollektiven Psychologie.
Jung hatte bei seiner praktischen
Arbeit festgestellt, daß bei seinen Patienten in den Sitzungen immer
gleiche Inhalte und Verhaltensweisen im Unterbewußtsein verankert
waren. Daraus schloß er, daß eine die individuelle Psyche überschreitende
Dimension des Unterbewußten existierte - das "kollektive" Unterbewußte.
Dabei tauchten wiederholt mythologische Motive auf, die unabhängig
von Bildung und Erziehung des Einzelnen die gleichen waren - die sogenannten
Archetypen.
Nach Jung können die Archetypen
als Grundstrukturen menschlicher Erfahrung definiert werden, deren Wirkung
sich analog zu den ihnen entsprechenden Situationen des menschlichen Lebens
entfaltet. Wenn ein bestimmter Archetyp allerdings unterdrückt wird,
tauchen zwei Schattenwesen auf, die Antipoden zueinander sind. Man kann
es auch so formulieren: Ein Archetyp vereinigt alle Aspekte - die
negativen wie die positiven - des Motives, welches er repräsentiert.
Im Falle des Archetyps der Großen
Mutter sind die typischen Eigenschaften
"(...) das Mütterliche
schlechthin, die magische Autorität des Weiblichen; die Weisheit und
die geistige Höhe jenseits des Verstandes; das Gütige, Hegende,
Tragende, Wachstum, Fruchtbarkeit und Nahrung Spendende; die Sätte
der magischen Verwandlung, der Wiedergeburt (...); das Geheime, Verborgene,
das Finstere, der Abgrund, die Totenwelt, das Verschlingende, Verführende
und Vergiftende, das Angsterregende und Unentrinnbare." 2
Wenn also die Schatten des
Unterbewußtseins nicht integriert werden, wenn nicht der Archetyp
in seiner Ganzheit angenommen wird, manifestiert sich dieser Schatten -
allerdings verzerrt, weil er gewaltsam unterdrückt und dadurch auch
gewaltsam wieder erscheint - in der materiellen Welt.
Nach Lietaers Auffassung
ist genau dies auch der Fall. Der Archetyp der Großen Mutter wurde
seit Beginn der bekannten Menschheitsgeschichte, seit 6000 Jahren, gewaltsam
unterdrückt. Dies begann im Westen mit der indo-germanischen Völkerwanderung,
verstärkt durch die Anti-Göttin-Haltung im Juden-und Christentum
mit Höhepunkten in drei Jahrhunderten Hexenverfolgung bis hin zur
Viktorianischen Epoche.
Der manifestierte Schatten
in der Gesellschaft ist aufgrund des langen Zeitraums der Unterdrückung
gewaltig. Die Schatten der Großen Mutter manifestieren sich nach
Lietaers Theorie als Gier und Angst vor Knappheit (und nach meiner Auffassung
auch noch als verzerrtes Extrem am anderen Ende der Achse der Eigenschaften
des Archetyps der Großen Mutter: als materieller Überfluß,
von dem man nahezu erstickt wird).
Jemand, der den Archetyp
der Großen Mutter darstellt, d.h. ihn in seiner Persönlichkeit
erkannt und integriert hat, der vertraut auf die Fülle des Universums;
nur derjenige, der kein Vertrauen hat, braucht ein dickes Bankkonto.
"Der erste Mensch, der
damit begonnen hat, als Schutz gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft
eine Menge Güter anzuhäufen, mußte damit automatisch seinen
Besitz gegen den Neid und die Bedürfnisse anderer Menschen verteidigen.
Wenn
eine Gesellschaft Angst vor Knappheit hat, wird sie eine Atmosphäre
schaffen, in der die Ängste wohlbegründet sind. Es handelt
sich hier um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung." 3
Der Vorwand für Kommunikation
Die Angst vor Mangel, die Folge
unseres Geldsystems, erzeugt Gier und das Horten von Geld. Dadurch wird
dem Geldkreislauf Geld entzogen, was wiederum Knappheit und somit Mangel
nach sich zieht (siehe auch
Fließendes Geld und Heilung des sozialen Organismus).
Dieser fatale Teufelskreis, der unermäßlichen Reichtum auf der
einen und Armut auf der anderen (90% der Menschen betreffenden, siehe auch
Die Kassen sind leer, wo ist das Geld?)
Seite erzeugt, hat noch eine andere,
zwischenmenschliche Folge. Es setzt neben dem Mangel an Geld auch der Mangel
an Kommunikation ein.
In einem Geldsystem, welches
im Gegensatz dazu auf Fülle und Freigiebigkeit basiert, kann es somit
kein Horten und keinen Mangel geben. Diese Idee des Gebens statt des Nehmens
werden nach Lietaer in einer Gemeinschaft gelebt. Das Wort Gemeinschaft
(communitiy) kommt aus dem Lateinischen. "munus" bedeutet "Geschenk" und
"cum" bedeutet "zusammen, miteinander". Somit heißt Gemeinschaft
im ureigensten Sinne "untereinander schenken".
Dies ist auch die Philosophie,
die hinter dem Gedanken der lokalen Währungen steht: Sie erleichtern
den Austausch von Geschenken.
Lokale Währungen wurden,
wie oben beschrieben, initiiert, um Beschäftigung zu erzeugen, wohingegen
nach Lietaers Beobachtungen heute auch lokale Währungen vor allem
deswegen gegründet werden, um Gemeinschaft zu bilden.
"Zum Beispiel würde
ich mir sehr sonderbar vorkommen, wenn ich einen Nachbarn am Ort anrufen
und zu ihm sagen würde: Ich habe bemerkt, daß Sie viele Birnen
an Ihren Bäumen haben. Kann ich sie holen? Ich hätte das Gefühl,
daß ich eine Gegenleistung anbieten müßte. Doch wenn ich
ihm meine knappen Dollars anbieten würde, könnte ich ebensogut
gleich in den Supermarkt gehen; im Endeffekt würden seine Birnen nicht
verwendet. Wenn ich aber eine lokale Währung habe, gibt es keine Knappheit
im Tauschmittel; so gesehen sind die Birnen ein Vorwand, miteinander zu
kommunizieren." 4
Natürlich muß
bei einer lokalen Währung gewährleistet sein, daß die menschlichen
Grundbedürfnisse wie z.B. Nahrung und Unterkunft befriedigt werden
können. Lietaer sieht in dieser Hinsicht keine Probleme. Denn es findet
sich immer jemand, der gerne gärtnert und im normalen Wirtschaftssytem
arbeitslos wäre. Seine Gartenprodukte würden mit lokaler Währung
bezahlt werden, die der Käufer, durch Anbieten anderer Dienste, auch
erwerben könnte. Hier zeigt sich schon bald, was lokal ist und
was nicht. Ein großer Supermarkt wird nur "Dollars" akzeptieren,
der "Tante Emma-Laden" nimmt aber genausogerne lokale Währung an.
Diese Währung kann genausogut in Stunden verrechnet werden, wie dies
Tauschringe praktizieren.
In Frankreich gibt es beispielsweise
etwa 300 Tauschringe, die "grain de sel" (Salzkorn) genannt werden. Sie
wurden gegründet, als die Arbeitslosenquote bei 12% lag und erleichtern
den Austausch von allen möglichen Dingen, von der Miete bis zu organischen
Produkten (siehe auch
Tauschringe).
Alle zwei Wochen gibt es in Ariège, in Südwestfrankreich, ein
großes Fest. Die Menschen kommen nicht nur deshalb zusammen, um mit
Käse, Früchten oder Kuchen zu handeln, sondern auch um Stunden
auszuhandeln für Klempnerarbeiten, Haarschnitte, Segel- oder Englischunterricht,
die ausschließlich mit lokaler Währung zu bezahlen sind. Es
gibt somit keinen Mangel an Geld und Arbeit, was nicht heißt, daß
die Währung unbegrenzt ist. Niemand hat 500.000 Stunden zu vergeben.
So gibt es eine natürliche Begrenzung, aber keine künstliche
Knappheit. Anstatt im Wettbewerb gegeneinander zu kämpfen hilft dieses
System zu kommunizieren und zu kooperieren.
Somit gewinnen kleine, lokale
Einheiten wieder mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit und so auch
ihr kulturelles Leben zurück.
Lietaer sieht lokale Währungen
als ergänzende Währung im Geldsystem, die den Weg zur lokalen
Nachhaltigkeit ebenen.
Lokale Währung als Pufferzonen
gegen Instabilität das globale Währungssytem
Lietaer führt aus, daß
die heutige Geldordnung kaum noch etwas mit der realen Wirtschaft zu tun
hat. 1995 betrug der Tagesumsatz der ausgetauschten Währungen weltweit
die Summe von 1,3 Billionen (1300 Mrd) US-Dollar, was 30 mal mehr als das
tägliche Bruttosozialprodukt aller entwickelten Länder der Welt
zusammen ist.
"Das jährliche Bruttosozialprodukt
der USA wird auf den Finanzmärkten in drei Tagen erreicht. Von diesem
Volumen werden nur zwei bis drei Prozent für die reale Wirtschaft
(Handel, Investitionen usw.) benötigt. Der Rest wird verschwendet
im Spekulationsgeschäft des globalen Cyber-Casinos. Die reale Wirtschaft
wurde degradiert zu einer reinen Dekoration auf dem Spekulationskuchen." 5
Desweiteren zeigt Lietaer auf,
daß die Regierungen keine Macht mehr haben und das wirtschaftliche
wie politische Geschehen von den Finanzmärkten regiert wird. Wenn
eine Regierung etwas beschließt, was den Finanzmäkten nicht
gefällt, setzt einfach eine Finanzkrise in der betreffenden Währung
ein wie 1991 bei den Briten, 1994 bei den Franzosen und 1995 bei den Mexikanern.
"Ein paar hundert Menschen, die
weder gewählt wurden noch irgendeine kollektive Verantwortung tragen,
entscheiden u.a., wie viel Ihr Pensionsfond wert ist." 6
Eine 50/50 Chance sieht Lietaer, daß
dieses labile Spekulationsgebäude in den nächsten fünf bis
zehn Jahren einstürzen wird. Selbst wenn in dieser Krisensituation
alle Zentralbanken beschlössen, zusammen zu arbeiten (was allerdings
nie geschehen würde), und alle ihre Reserven einsetzten, um die Krise
zu meistern, hätten sie doch nur Mittel in der Größenordnung
der Hälfte des Tagesumsatzes der Finanzmärkte um die Währungen
zu stabilisieren. Im Gegensatz dazu könnte sich der Tagesumsatz an
einem Krisentag an den Finanzmärkten verdoppeln oder verdreifachen,
so daß die Reserven sämtlicher OECD-Zentralbanken nur für
zwei bis drei Stunden reichten.
Dabei würde es sich bei diesem
Zusammenbruch nicht nur um eine Wirtschaftkrise, wie die z.B. von 1929,
handeln. Die Tragweite wäre viel weitreichender. Lietaer führt
als historisches Beispiel den Zusammenbruch des Römischen Reiches
an, das auch die Römische Währung beendete. Allerdings dauerte
es damals noch 150 Jahre, bis das ganze Römische Reich untergegangen
war - heute würde es nur einige Stunden dauern.
Das Gute an lokalen Währungen
ist, daß Menschen ihr eigenes Geldsystem schaffen ohne eingebauten
Knappheitsfaktor. Sie brauchen kein Geld von irgendwoher, um Tauschhandeln
mit dem Nachbarn zu treiben.
Gerade deshalb sind lokale Währungen
so wichtig, denn sie stellen ein Bollwerk gegen eine Krise der globalen
Wirtschaft dar und würden, wie oben erwähnt, Umweltschutz und
Kultur fördern.
Ausblick
Lietaer sieht in den lokalen Währungen
die Möglichkeit, die größten Probleme, die heute die Menschheit
hat, zu lösen. Diese sind auf der einen Seite die Ungleichheit und
auf der anderen Seite der Zusammenbruch sozialer Gemeinschaften. Denn diese
Faktoren schaffen Spannungen, die sich in Gewalt und Kriegen entladen.
Wenn bewußt Währungen geschaffen werden, die Gemeinschaft und
Nachhaltigkeit fördern, kann man diese Problme in den Griff bekommen.
Die Zeit ist dafür reif; in den
vergangenen Jahrzehnten haben wir ein Wiedererwachen des weiblichen Archetyps
erlebt, sowohl in der Frauenbewegung, als auch im Bereich der Ökologie,
in den Bewegungen zur Integration von Geist und Materie. Der Paradigmenwechsel
spiegelt sich auch in den neuen Technologien wieder, die erlauben, Hierachien
durch Netzwerke wie z.B.das Internet, zu ersetzen.
Heute haben wir das erste Mal in der
Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, aufgrund von Produktionstechnologien,
Überfluß schaffen zu können. Dies in Verbindung mit dem
Wechsel des Archetyps - also einer eher matriachal ausgerichtete Gesellschaft
- erlaubt uns, bewußt ein Geldsystem zu schaffen, welches für
uns arbeitet, das Nachhaltigkeit zum Ziel hat und Gemeinschaft auf lokaler
und globaler Ebene fördert. Nach Lietaer sind diese Ziele in weniger
als einer Generation zu erreichen, "ob wir sie tatsächlich erleben,
wird davon abhängen, inwieweit wir fähig sind, miteinander zu
kooperieren, um unser Geldsystem neu zu erfinden."7
Literatur:
- 1 Interview mit Bernard Lietaer in der Zeitschrift Zeitpunkt, Nummer 39, S.
- 2 C.G. Jung, Grundwerke, Bd.2., S.149
- 3 Interview mit Bernard
Lietaer in der Zeitschrift Zeitpunkt, Nummer 39
- 4 ebd.
- 5ebd.
- 6ebd.
- 7ebd.
-
Museion 2000 - Kulturmagazin.
Glaube, Wissen, Kunst in Geschichte und Gegenwart, Ausgabe 2/92
Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung
eines mit Bernard Lietaer geführten Interviews in der Zeitschrift
Yes! Journal of Positive Futures. Sie erscheint vierteljährlich als
werbefreies Themenheft und kostet im Abo US$ 31,- (Übersee).
Yes, PO Box 10818, Brainbridge Island, WA 98110, USA.
Eine deutsche Übersetzung (von
Erika Riemer-Noltenius) des Gesprächs mit Sarah van Geldern und Bernard
Lietaer fand erstmals in der Nummer 39 der Zeitschrift Zeitpunkt statt.